Fotografische Übergänge zwischen Ankommen, Weitergehen und Erinnerung
Begleittext zur Ausstellung von Gerhard Rinck
- Juni 12, 2026
- Gerhard Rinck
Städte zeigen sich nicht nur in ihren bekannten Plätzen, Fassaden und Sehenswürdigkeiten. Oft erzählen sie mehr an ihren Rändern: an Türen, Durchgängen, Haltestellen, Unterführungen, leeren Gassen, farbigen Markierungen und nächtlichen Lichtspuren. Dort, wo man nicht bleibt, sondern nur
hindurchgeht, entstehen besondere Momente der Wahrnehmung.
Meine fotografische Serie „Schwellen der Stadt“ richtet den Blick auf solche urbanen Zwischenräume. Die Stadt erscheint hier nicht als Kulisse, sondern als Zustand des Übergangs: zwischen Ankommen und Weitergehen, Sichtbarkeit und Verschwinden, Erinnerung und Gegenwart.
Jede Begegnung mit der Stadt beginnt an einer Schwelle. Ein Eingang, eine Treppe, eine Tür oder ein erster Blick in einen Raum markieren den Moment vor dem Betreten. Noch ist offen, wohin der Weg führt. Fotografisch interessiert mich genau dieser Augenblick: das Zögern, die erste Annäherung, die stille Frage nach dem Dahinter. In diesem Sinn lässt sich die Schwelle auch soziologisch lesen: als Ort, an dem Wahrnehmung, Distanz und Nähe neu geordnet werden (vgl. Simmel 1903).
Von dort führt der Blick weiter in Passagen, Tore, Durchgänge und Gassen. Es sind Orte des Dazwischen, die man meist benutzt, ohne lange zu verweilen. Und doch verdichtet sich hier vieles: Licht und Schatten, alte Oberflächen, Blickachsen, Spuren des Gebrauchs. Walter Benjamin hat die Passage als besonderen Ort der modernen Stadt beschrieben – als Raum des Flanierens, der Warenwelt und der Erinnerung (vgl. Benjamin 1982/1991). Auch fotografisch bleibt sie ein Ort der Mehrdeutigkeit.
In Bahnhöfen, Haltestellen, Rolltreppen und Unterführungen zeigt sich die Stadt als Bewegungsraum. Menschen warten, gehen weiter, verschwinden aus dem Bild. Linien, Signale und Richtungen strukturieren den urbanen Alltag. In diesen Bildern geht es weniger um das Ziel als um den Zustand des Unterwegsseins. Die Großstadt erscheint dabei als eine Lebensform, geprägt von Dichte, Verschiedenheit und Tempo (vgl. Wirth 1938).
Nicht jede Schwelle ist baulich sichtbar. Manche Schwellen verlaufen sozial: zwischen Nähe und Distanz, Zugehörigkeit und Randlage, Öffentlichkeit und Vereinzelung. Die Stadt bringt Menschen zusammen, ohne sie immer miteinander zu verbinden. Gerade in scheinbar beiläufigen Situationen werden solche sozialen Räume sichtbar. Robert E. Park verstand die Stadt nicht nur als gebauten Ort, sondern auch als Ausdruck von Lebensweisen, Gewohnheiten und sozialen Beziehungen (vgl. Park 1915/1925).
Spuren sind das Gedächtnis der Stadt. Sie zeigen sich auf Mauern, Böden, Fassaden, Schildern und abgenutzten Oberflächen. Risse, Schriftreste, Aufkleber, Verfärbungen oder Gebrauchsspuren erzählen von Vergangenem, ohne es vollständig zu erklären. Hier berührt sich Fotografie mit Erinnerung: Sie hält fest, was vielleicht bald verschwindet. Maurice Halbwachs hat gezeigt, dass Erinnerung nicht nur individuell ist, sondern an Orte, Gruppen und soziale Räume gebunden bleibt (vgl. Halbwachs 1950).
Auch Farbe wird im Stadtraum zum Zeichen. Sie lenkt, warnt, markiert, wirbt oder widerspricht. Eine rote Wand, eine gelbe Linie, eine Leuchtschrift oder eine grelle Gegenfarbe können wie visuelle Schwellen wirken. Sie unterbrechen den Blick und geben der Stadt eine eigene Sprache. In solchen Momenten wird deutlich, dass Fotografie nicht nur abbildet, sondern auswählt, ordnet und Bedeutung setzt (vgl. Sontag 1977; Barthes 1980).
In der Nacht verändert die Stadt ihr Gesicht. Vieles verschwindet, anderes beginnt zu leuchten. Schriftzüge, Reflexe, Fenster, Schatten und Lichtspuren treten hervor. Die Stadt wird fragmentarischer, stiller und zugleich rätselhafter. So führt die Serie nicht zu einem eindeutigen Abschluss, sondern zurück
zur Offenheit der Schwelle.
„Schwellen der Stadt“ folgt nicht den großen Ansichten, sondern den Übergängen. Die Serie fragt, wie Stadt erlebt wird: im Gehen, Warten, Sehen, Erinnern und Vorübergehen. Dabei stehen die Fotografien im Dialog mit klassischen Gedanken zur Großstadt, zur Passage, zur Erinnerung und zum fotografischen Blick – von Georg Simmel und Robert E. Park über Walter Benjamin bis zu Roland Barthes und Susan Sontag.
Die Stadt bleibt in diesen Bildern ein offener Raum. Sie ist nicht fertig, nicht eindeutig, nicht abgeschlossen. Sie besteht aus Wegen, Zeichen, Spuren und Momenten. Genau darin liegt ihre stille Poesie.
Leitgedanke: Die Fotografien zeigen die Stadt nicht als Kulisse, sondern als Zustand des Übergangs – zwischen Ankommen und Weitergehen, Sichtbarkeit und Verschwinden, Erinnerung und Gegenwart.
Transparenzhinweis
Dieser Blog- und Ausstellungstext entstand auf Grundlage eigener Fotografien, Projektnotizen und redaktioneller Entscheidungen. ChatGPT wurde unterstützend für Strukturierung und sprachliche Ausarbeitung genutzt.
Inhalt, Prüfung, Überarbeitung und Verantwortung liegen beim Autor.
© Gerhard Rinck 6/26
Wer ist wer? Kleine Literaturhinweise
Georg Simmel (1858-1918): deutscher Philosoph und Soziologe; ein Klassiker zur Wahrnehmung der modernen Großstadt, zu Distanz, Reizdichte und urbanem Bewusstsein. Literaturhinweis: Simmel, Georg (1903): Die Großstädte und das Geistesleben.
Robert E. Park (1864-1944): US-amerikanischer Soziologe und prägende Figur der Chicago School; er verstand die Stadt als sozialen Organismus und als Ausdruck von Lebensweisen, Gewohnheiten und Beziehungen.
Literaturhinweis: Park, Robert E. (1915): The City: Suggestions for the Investigation of Human Behavior in the City Environment. Später in: Park / Burgess / McKenzie (1925): The City.
Louis Wirth (1897-1952): deutsch-amerikanischer Soziologe der Chicago School; beschreibt die Großstadt als Lebensform, geprägt durch Größe, Dichte und soziale Verschiedenheit. Literaturhinweis: Wirth, Louis (1938): Urbanism as a Way of Life. In: American Journal of Sociology, 44(1), S. 1-24.
Walter Benjamin (1892-1940): deutscher Philosoph, Kulturkritiker und Literaturwissenschaftler; wichtig für Passage, Flaneur, Warenwelt, Erinnerung und moderne Wahrnehmung. Literaturhinweis: Benjamin, Walter (1982/1991): Das Passagen-Werk. Gesammelte Schriften, Band V. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Victor Turner (1920-1983): britischer Anthropologe; der Begriff der Liminalität beschreibt Übergangsphasen, Schwellenzustände und soziale Zwischenräume. Literaturhinweis: Turner, Victor (1969): The Ritual Process: Structure and Anti-Structure. Chicago: Aldine.
Marc Augé (1935-2023): französischer Ethnologe und Anthropologe; sein Begriff der Nicht-Orte passt zu Räumen des Transits wie Bahnhöfen, Flughäfen, Einkaufszonen oder Autobahnen. Literaturhinweis: Augé, Marc (1992/2010): Nicht-Orte. München: C.H. Beck.
Maurice Halbwachs (1877-1945): französischer Soziologe; seine Arbeiten zum kollektiven Gedächtnis zeigen, dass Erinnerung an Orte, Gruppen und soziale Rahmen gebunden ist. Literaturhinweis: Halbwachs, Maurice (1950): La mémoire collective. Deutsche Ausgabe: Das kollektive Gedächtnis.
Roland Barthes (1915-1980): französischer Literaturtheoretiker, Semiotiker und Kulturwissenschaftler; wichtig für Erinnerung, Berührung und Wirkung fotografischer Bilder. Literaturhinweis: Barthes, Roland (1980): La chambre claire. Deutsche Ausgabe: Die helle Kammer.
Susan Sontag (1933-2004): US-amerikanische Schriftstellerin und Essayistin; analysiert den fotografischen Blick, das Sammeln von Bildern und die kulturelle Bedeutung fotografischer Darstellung. Literaturhinweis: Sontag, Susan (1977): On Photography. Deutsche Ausgabe: Über Fotografie.
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© Gerhard Rinck 6/26