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Rinck Photoraphy

Der langsame Blick

Fotografie, Achtsamkeit und die stille Aufmerksamkeit für das, was bleibt

Ein Essay von Gerhard Rinck

„Der langsame Blick beginnt nicht beim Motiv, sondern bei der Art der Begegnung.“

Viele meiner fotografischen Projekte kreisen um ein gemeinsames Thema, auch wenn sie auf den ersten Blick sehr unterschiedlich erscheinen. Ostberlin, das Wattenmeer, verlassene Arbeitsorte, das Dachauer Hinterland, Porträts, Wald, Friedhöfe und Stadträume erzählen von verschiedenen Orten und Erfahrungen. Doch unter der Oberfläche verbindet sie etwas: Sie verlangen keinen schnellen Blick. Sie verlangen Aufmerksamkeit.

Vielleicht ist Fotografie für mich deshalb immer stärker zu einer Form von Achtsamkeit geworden. Nicht im modischen Sinn eines beruhigenden Begriffs, sondern als Haltung: langsamer werden, genauer hinsehen, nicht sofort urteilen, einem Ort, einem Menschen, einer Spur oder einer Stimmung Zeit geben.

Achtsamkeit bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, die Welt schöner zu machen, als sie ist. Sie bedeutet, ihr mit größerer Aufmerksamkeit zu begegnen. Ein verlassener Raum wird dadurch nicht romantisiert, eine Wattfläche nicht künstlich bedeutungsvoll gemacht, ein Gesicht nicht erklärt und eine unscheinbare Landschaft nicht spektakulär inszeniert. Aber der Blick bleibt lange genug, damit etwas sichtbar werden kann, das im schnellen Vorübergehen verborgen bliebe.

So verstanden ist Fotografie nicht nur ein Mittel des Festhaltens. Sie ist eine Übung im Wahrnehmen. Sie richtet den Blick auf Spuren, Übergänge, Oberflächen, Stille, Licht, Zeit und Anwesenheit. Sie fragt nicht nur: Was sehe ich? Sie fragt auch: Wie begegne ich dem, was ich sehe?

„Seeing comes before words.“
– 
John Berger, Ways of Seeing

John Berger erinnert daran, dass Sehen ursprünglicher ist als Deutung. Bevor wir einen Ort erklären, einordnen oder benennen, begegnen wir ihm mit dem Blick. Für die Fotografie bedeutet das: Ein Bild beginnt nicht mit einer Aussage, sondern mit Wahrnehmung.

Fotografie beginnt oft früher, als man denkt: nicht erst in dem Moment, in dem der Auslöser gedrückt wird, nicht erst bei der Wahl von Blende, Zeit oder Brennweite. Sie beginnt dort, wo der Blick anhält.

Etwas zieht die Aufmerksamkeit auf sich: ein Lichtstreifen auf einer Wand, eine Spur im Sand, ein leerer Raum, ein Gesicht, das nicht posiert, eine Tür, ein Schatten, ein Weg, der ins Ungewisse führt. Oft ist es nichts Spektakuläres. Nichts, was sich aufdrängt. Und doch bleibt der Blick daran hängen.

Vielleicht ist genau das der Anfang fotografischer Aufmerksamkeit: nicht das Suchen nach dem besonderen Motiv, sondern die Bereitschaft, etwas wahrzunehmen, das leicht übersehen werden könnte. In einer Welt, die auf Schnelligkeit, Wirkung und sofortige Bilder ausgerichtet ist, verlangt Fotografie manchmal das Gegenteil. Sie verlangt Verlangsamung.

Diese Art des Sehens ist für mich im Laufe der Jahre wichtiger geworden. Technik, Kamera, Objektiv und Bearbeitung behalten ihren Platz. Aber sie stehen nicht mehr am Anfang. Am Anfang steht die Frage: Was berührt mich an diesem Ort, an diesem Licht, an dieser Spur, an diesem Menschen?

Fotografie kann so zu einer Übung der Aufmerksamkeit werden. Sie schult den Blick für Übergänge, für leise Veränderungen, für das Unscheinbare und das Vorläufige. Sie macht sichtbar, dass ein verlassener Raum nicht leer ist, dass eine Wattfläche nicht nur Fläche ist, dass ein Gesicht mehr erzählt als seine äußere Form.

Aufmerksamkeit bedeutet dabei nicht, alles erklären zu wollen. Im Gegenteil. Sie bedeutet, etwas ernst zu nehmen, bevor es sich vollständig erklären lässt. Ein Ort darf offen bleiben. Eine Spur darf rätselhaft sein. Ein Bild muss nicht sofort antworten. Manchmal reicht es, wenn es eine Frage bewahrt.

Damit verschiebt sich auch der Begriff der Achtsamkeit. Er verliert seine glatte Oberfläche und wird zu einer Frage der Haltung. Achtsamkeit ist dann nicht Wellness, nicht Beruhigung um jeden Preis und kein Versprechen von Harmonie. Sie ist eine genauere Form von Wirklichkeitssinn.

„Absolutely unmixed attention is prayer.“
– Simone Weil

Dieser Satz lässt sich als Hinweis auf die Ernsthaftigkeit der Aufmerksamkeit lesen: Achtsamkeit ist eine Form ungeteilter Hinwendung zu einem Ort, einem Menschen oder einer Spur, bevor man sie bewertet oder benutzt.

Diese Haltung beginnt mit Respekt vor dem, was da ist: vor einem Ort, bevor man ihn deutet; vor einem Menschen, bevor man ihn einordnet; vor einer Spur, bevor man sie erklärt. Sie verlangt, nicht sofort etwas aus der Welt machen zu wollen, sondern zunächst wahrzunehmen, was sie zeigt.

Das ist besonders wichtig bei Motiven, die leicht missverstanden werden können. Verlassene Orte können schnell romantisiert werden. Man sieht Rost, Staub, zerbrochene Fenster und spricht von Schönheit des Verfalls. Doch solche Orte erzählen auch von Arbeit, Verlust, Wandel, Aufgabe und Erinnerung. Achtsamkeit bedeutet hier, nicht nur die Oberfläche zu sehen, sondern die Würde des Gebrauchs und die Spuren menschlicher Anwesenheit.

Ähnlich ist es im Wattenmeer. Eine leere Fläche kann beruhigend wirken. Sie kann aber auch zeigen, wie vorläufig alles Sichtbare ist. Das Wasser kommt und geht. Spuren werden lesbar und wieder gelöscht. Muscheln, Priele, Sandrippel, Licht und Wind sind nicht nur schöne Motive. Sie erzählen von Zeit, Wandel und Vergänglichkeit. Achtsamkeit heißt hier, die Stille nicht mit Leere zu verwechseln.

Auch im Porträt ist Achtsamkeit keine weiche Geste, sondern eine Frage der Haltung. Wie nahe darf ich kommen? Wie viel Raum lasse ich dem anderen? Suche ich ein Bild, das etwas beweist, oder ein Bild, das eine Begegnung ermöglicht? Ein achtsames Porträt stellt den Menschen nicht aus. Es versucht, ihn ernst zu nehmen.

So verstanden ist Achtsamkeit keine Flucht vor der Wirklichkeit. Sie verschließt nicht die Augen vor Brüchen, Vergänglichkeit, Einsamkeit oder Veränderung. Im Gegenteil: Sie erlaubt, diese Dinge wahrzunehmen, ohne sie sofort zu bewerten oder zu glätten.

Diese Haltung verändert auch die Art zu fotografieren. Man bewegt sich langsamer. Man nimmt sich zurück. Man wartet auf Licht, aber auch auf Verständnis. Man fotografiert nicht alles, was möglich wäre. Man lässt manches aus. Man akzeptiert, dass nicht jedes Motiv sofort ein Bild wird und dass manche Orte Zeit brauchen, bevor sie ihre Sprache zeigen.

In diesem Sinn ist Achtsamkeit auch Verzicht: Verzicht auf den schnellen Effekt, auf das spektakuläre Bild um jeden Preis, auf die Versuchung, einen Ort lauter zu machen, als er ist. Ein stilles Bild braucht Vertrauen. Es muss nicht sofort überzeugen. Es darf nachwirken.

Von hier aus ist der Schritt zur meditativen oder kontemplativen Fotografie nicht groß. Meditativ zu fotografieren bedeutet nicht, besondere Motive zu suchen oder Bilder besonders still wirken zu lassen. Es bedeutet, vor dem Bild innerlich stiller zu werden.

Gerade in unruhigen oder belastenden Zeiten fällt dieser langsame Blick oft schwer. Der Kopf ist voll, die Aufmerksamkeit springt, der Blick wird enger. Fotografie kann dann zu einem Anker werden: nicht, weil sie Probleme löst, sondern weil sie den Blick für einen Moment sammelt.

Wer bewusst fotografiert, richtet seine Aufmerksamkeit auf Licht, Linien, Oberflächen, Schatten, Spuren und Details. Die Gedanken werden leiser. Der Ort tritt deutlicher hervor. Man beginnt, nicht nur Motive zu suchen, sondern Stimmungen wahrzunehmen. Genau darin liegt die Nähe zur meditativen Fotografie: Sie führt nicht aus der Welt heraus, sondern tiefer in sie hinein.

Mihály Csíkszentmihályi hat für solche Zustände den Begriff Flow geprägt: einen Zustand vertiefter Aufmerksamkeit, in dem man ganz bei dem ist, was man tut. Beim Fotografieren kann etwas Ähnliches geschehen. Man konzentriert sich auf Licht, Linien und Details. Man vergisst die Zeit. Die Wahrnehmung wird klarer – nicht, weil man sich anstrengt, sondern weil man anwesend ist.

„The question is not what you look at, but what you see.“
– Henry David Thoreau, Journal, 5. August 1851

Nicht das bloße Anschauen ist entscheidend, sondern das wirkliche Sehen. Fotografie fragt deshalb nicht nur, was vor uns liegt, sondern worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten.

Byung-Chul Hans Gedanken zur vita contemplativa können hier als Gegenwartsstimme anklingen. Sie erinnern daran, dass ein nicht sofort konsumierender, bewertender oder verwertender Blick heute fast widerständig wirkt. Der langsame Blick bleibt, wartet, nimmt wahr.

Achtsames Fotografieren ist deshalb keine weiche Nebenerscheinung, sondern eine präzise Form der Wahrnehmung. Es hilft, den Blick bewusst zu lenken: auf Licht, Strukturen, stille Momente, Spuren und jene unscheinbaren Zeichen, die im schnellen Alltag leicht verloren gehen.

Besonders deutlich wird das dort, wo Spuren, Übergänge und leise Orte ins Bild treten. Viele meiner Fotografien entstehen an Orten, die nicht sofort Aufmerksamkeit verlangen. Es sind keine berühmten Ansichten, keine großen Ereignisse. Oft sind es Ränder und Zwischenräume: ein verlassener Raum, eine Unterführung, ein Weg im Nebel, eine Spur im Sand, eine alte Fassade, ein leerer Platz, ein Gesicht in stiller Gegenwart.

Gerade solche Orte interessieren mich, weil sie offen bleiben. Sie erklären sich nicht sofort. Sie tragen Spuren, aber sie erzählen ihre Geschichte nicht vollständig. Wer sie fotografiert, muss bereit sein zu warten – nicht auf ein Ereignis, sondern auf eine Wahrnehmung.

Spuren sind mehr als sichtbare Reste. Sie verweisen auf etwas, das nicht mehr ganz gegenwärtig ist und dennoch nachwirkt: Schritte auf einer Treppe, Rost an einem Schild, Linien im Watt, Licht auf einer Wand, ein Blick, der etwas von Zeit bewahrt. Fotografie kann solche Spuren sichtbar machen, ohne sie vollständig erklären zu müssen.

Auch Übergänge besitzen eine eigene Kraft. Sie zeigen Momente, in denen etwas nicht eindeutig ist: nicht mehr ganz das eine, noch nicht ganz das andere. Das Wattenmeer liegt zwischen Land und Meer, verlassene Orte zwischen Gebrauch und Aufgabe, Stadträume zwischen Geschichte und Gegenwart, Porträts zwischen Nähe und Distanz. Solche Zwischenräume verlangen Aufmerksamkeit für Nuancen: Licht, Oberfläche, Stille, Haltung und Abstand.

Leise Orte sind deshalb keine schwachen Orte. Sie sprechen nur in einer anderen Sprache. Ein leerer Raum kann voller Anwesenheit sein. Eine unscheinbare Landschaft kann mehr über Zeit erzählen als ein spektakulärer Ausblick. Eine stille Geste kann stärker wirken als ein inszenierter Ausdruck.

Der langsame Blick sucht solche leisen Stellen. Er vertraut darauf, dass Bedeutung auch dort entstehen kann, wo zunächst wenig zu sehen ist. In einer Welt, die Bilder oft nach ihrer schnellen Wirkung beurteilt, ist das fast eine Gegenbewegung: nicht lauter werden, nicht stärker überzeichnen, nicht alles erklären – sondern bleiben.

Walter Benjamins Gedanke des Optisch-Unbewussten passt hier besonders gut. Die Kamera kann etwas sichtbar machen, das dem alltäglichen Blick entgeht. Nicht weil sie mehr empfindet als der Mensch, sondern weil sie den Blick anhält, vergrößert und aus dem Strom der Wahrnehmung herauslöst. Gerade Spuren, Oberflächen und Übergänge werden dadurch sichtbar.

Wenn ich meine fotografischen Projekte nebeneinanderlege, wirken sie zunächst unterschiedlich. Doch sie sind durch einen gemeinsamen Blick verbunden. Im Wattenmeer zeigt er sich im Rhythmus von Ebbe und Flut, in Sandrippeln, Prielen, Muscheln und Spuren, die nur für kurze Zeit sichtbar sind. Bei den Lost Places richtet er sich auf Räume, aus denen die Arbeit verschwunden ist, deren Oberflächen aber noch von Gebrauch, Wandel und Erinnerung erzählen. In Ostberlin begegnet er einer Geschichte, die nicht abgeschlossen ist, sondern in Fassaden, Plätzen, Namen und Wegen weiterlebt.

Das Dachauer Hinterland führt diesen Blick in die Nähe zurück: zu Feldern, Wegen, Nebel, Licht und vertrauten Landschaften, die erst bei wiederholtem Hinsehen ihre Tiefe zeigen. In den Porträts verschiebt sich die Aufmerksamkeit vom Ort zum Menschen – zum Blick, zur Haltung, zur stillen Gegenwart. Wald und Friedhöfe öffnen Räume, in denen Zeit, Vergänglichkeit, Natur und Erinnerung besonders deutlich spürbar werden.

So unterschiedlich diese Projekte sind, sie kreisen um ähnliche Fragen: Was bleibt von einem Ort, wenn seine Funktion endet? Was bleibt von Geschichte, wenn Systeme vergangen sind? Was bleibt von einer Landschaft, wenn sie sich ständig verändert? Was bleibt von einem Menschen im Blick? Was bleibt von Zeit auf Oberflächen, Wegen, Gesichtern und Räumen?

Vielleicht liegt genau darin der rote Faden meiner fotografischen Arbeit: nicht in einem einheitlichen Motiv, sondern in einer Haltung. Im Versuch, langsamer zu sehen, leiser zu fragen und dem Unspektakulären Bedeutung zuzutrauen.

Daraus erklärt sich auch, warum das Unspektakuläre oft länger nachwirkt. Es gibt Bilder, die sofort wirken: ein dramatischer Himmel, ein starker Kontrast, eine ungewöhnliche Perspektive, ein auffälliges Motiv. Solche Bilder haben Kraft. Sie bleiben für einen Moment stehen. Aber nicht immer bleiben sie lange.

Manchmal sind es gerade die leisen Bilder, die später zurückkehren: ein leerer Weg im Nebel, eine Spur im Sand, ein Fenster in einem verlassenen Raum, eine unscheinbare Fassade, ein Blick, der nicht herausfordert, sondern still bleibt, eine verwitterte Oberfläche, ein Baum am Rand eines Feldes. Solche Bilder drängen sich nicht auf. Aber sie lassen Raum.

Vielleicht wirkt das Unspektakuläre deshalb länger, weil es nicht alles sofort verbraucht. Es erklärt sich nicht auf den ersten Blick. Es fordert keine schnelle Bewunderung. Es bleibt offen. Der Betrachter muss sich selbst hineinbegeben, muss suchen, ergänzen, erinnern, verweilen. Das Bild gibt nicht alles vor. Es lässt etwas zurück.

Das Unspektakuläre hat eine besondere Nähe zur Erinnerung. Auch Erinnerung erscheint selten dramatisch geordnet. Sie kommt in Einzelheiten zurück: ein Licht, ein Geruch, eine Farbe, ein Raum, eine Treppe, ein Geräusch, ein Stück Himmel. Oft sind es kleine Dinge, die etwas Größeres tragen. Ein Detail kann eine ganze Zeit öffnen. Eine Spur kann eine Geschichte andeuten. Eine Fläche kann eine Stimmung bewahren.

In der Fotografie interessiert mich genau diese Möglichkeit. Ein Bild muss nicht laut sein, um Bedeutung zu haben. Es muss nicht zeigen, dass etwas Besonderes geschehen ist. Manchmal genügt es, sichtbar zu machen, dass etwas da war, dass etwas benutzt wurde, dass jemand gegangen ist, dass Licht auf eine bestimmte Weise gefallen ist, dass ein Ort eine Atmosphäre trägt.

Das Wattenmeer zeigt diese Kraft des Unspektakulären ebenso wie ein leerer Arbeitsraum, ein Feldweg im Dachauer Hinterland oder ein stilles Porträt. Auf den ersten Blick ist wenig zu sehen. Doch bei längerem Hinsehen wird die Fläche lesbar, der Raum gegenwärtig, der Blick bedeutsam. Linien, Licht, Oberflächen und kleine Zeichen beginnen zu sprechen.

Das Unspektakuläre wirkt oft länger, weil es nicht abschließt. Es bleibt in Bewegung. Es fordert den Betrachter nicht mit fertiger Bedeutung heraus, sondern lädt ihn ein, selbst zu sehen. Es lässt Fragen offen: Was war hier? Wer war hier? Was bleibt? Was fehlt? Warum berührt mich das?

Roland Barthes nennt das punctum jenes Detail in einer Fotografie, das den Betrachter trifft, ohne dass es sich vollständig erklären lässt. Nicht immer wirkt das große Motiv am stärksten. Manchmal ist es eine Spur, ein Lichtfleck, eine Hand, ein Schild, ein Blick, eine Muschel im Sand – etwas Kleines, das bleibt.

Vielleicht ist das Unspektakuläre deshalb nicht das Gegenteil des Bedeutenden. Es ist oft sein verborgenster Ort.

Zu diesem langsamen Blick gehört auch Verantwortung. Fotografieren bedeutet immer, einen Ausschnitt aus der Wirklichkeit herauszulösen. Gerade deshalb braucht der fotografische Blick nicht nur Achtsamkeit, sondern Behutsamkeit.

„To photograph is to appropriate.“
– Susan Sontag, On Photography

Susan Sontag erinnert daran, dass Fotografieren nie ganz unschuldig ist. Wer fotografiert, nimmt etwas aus der Welt heraus und macht es zum Bild. Gerade deshalb braucht Fotografie Respekt: vor dem Ort, vor dem Menschen, vor der Spur. Nicht alles, was fotografiert werden kann, muss fotografiert werden.

Diese Verantwortung zeigt sich nicht erst bei schwierigen Motiven. Sie beginnt in jeder Entscheidung: Was zeige ich? Was lasse ich aus? Wie nahe komme ich? Wessen Würde berührt mein Bild? Welche Geschichte deutet es an, und welche vereinfacht es vielleicht?

Achtsame Fotografie bedeutet deshalb auch, Grenzen anzuerkennen. Sie hält nicht alles für verfügbar. Sie weiß, dass manche Orte Schutz brauchen, manche Menschen Abstand, manche Spuren Stille. Ein Bild kann eine Begegnung bewahren. Es kann sie aber auch verletzen, wenn es nur nimmt.

Gerade darum gehört Verantwortung zum langsamen Blick. Wer innehält, sieht nicht nur genauer. Er entscheidet auch behutsamer.

Am Ende ist die Kamera für mich mehr als ein technisches Gerät. Sie ist nicht nur ein Apparat, der Licht aufzeichnet, Schärfe herstellt und einen Augenblick bewahrt. Sie ist auch ein Werkzeug des Innehaltens.

Sie verlangsamt den Blick. Sie fordert dazu auf, stehen zu bleiben, bevor man weitergeht. Sie fragt nicht laut, aber beharrlich: Was siehst du wirklich? Was übersiehst du? Was geschieht, wenn du einem Ort, einem Menschen, einer Spur mehr Zeit gibst?

Vielleicht ist genau darin ihre stille Kraft. Die Kamera nimmt nicht nur Bilder auf. Sie verändert die Art, wie man anwesend ist. Wer fotografiert, schaut anders auf Licht, Schatten, Linien, Gesichter, Oberflächen, Wege, Räume und Stille. Die Welt wird nicht neu erfunden, aber sie wird genauer wahrgenommen.

So wird Fotografieren zu einer Form des Daseins. Man ist nicht nur unterwegs, um Bilder zu machen. Man ist unterwegs, um genauer wahrzunehmen. Die Kamera wird zum Anlass, langsamer zu gehen, einen zweiten Blick zu wagen, eine scheinbar nebensächliche Spur ernst zu nehmen.

Dabei bleibt jedes Foto begrenzt. Es kann einen Ort nicht vollständig erklären. Es kann einen Menschen nicht vollständig erfassen. Es kann Zeit nicht aufhalten. Aber es kann einen Moment der Aufmerksamkeit bewahren. Es kann zeigen, dass etwas gesehen wurde. Dass jemand stehen geblieben ist. Dass ein leiser Ort, eine Spur, ein Blick, ein Licht nicht übergangen wurde.

Vielleicht liegt darin der Unterschied zwischen Festhalten und Innehalten. Festhalten will bewahren, was vergeht. Innehalten akzeptiert, dass etwas vergeht, und begegnet ihm dennoch mit Aufmerksamkeit. Die Fotografie kann beides: Sie bewahrt einen Augenblick, aber sie erinnert zugleich daran, dass er nicht bleibt.

Für mich ist das eine Form von Achtsamkeit. Keine Methode, keine Technik, kein Rezept. Eher eine Haltung: der Welt nicht nur mit Absicht zu begegnen, sondern mit Offenheit. Nicht sofort nach Bedeutung zu greifen, sondern sie entstehen zu lassen. Nicht jedes Bild erklären zu wollen, sondern ihm Raum zu geben.

Der langsame Blick ist deshalb kein Rückzug aus der Welt. Er ist eine genauere Hinwendung zu ihr. Er sieht die Brüche, die Spuren, die Übergänge, die Verletzlichkeit, die Vergänglichkeit. Aber er sieht sie nicht nur als Verlust. Er erkennt darin auch Würde, Erinnerung und eine stille Form von Schönheit.

Vielleicht fotografiere ich deshalb immer wieder Orte, die nicht laut sind: Räume, die etwas bewahren; Landschaften, die sich verändern; Menschen, die durch ihre Gegenwart sprechen; Oberflächen, die Zeit tragen; Wege, die offen bleiben.

Die Kamera hilft mir, diese Dinge nicht zu übersehen. Sie zwingt mich nicht zur Achtsamkeit, aber sie erinnert mich daran. Sie gibt dem Blick eine Aufgabe und dem Augenblick ein Gewicht.

Am Ende geht es vielleicht nicht darum, mehr Bilder zu machen. Es geht darum, wacher zu sehen, behutsamer zu wählen, länger zu bleiben und dem Unscheinbaren zu vertrauen.

So wird Fotografie zu einer stillen Übung: im Sehen, im Warten, im Respekt vor dem, was da ist. Die Kamera hält nicht nur fest, was vor ihr liegt. Sie öffnet einen Raum, in dem Wahrnehmung tiefer werden kann.

Henri Cartier-Bressons Gedanke von Auge, Herz und Kopf verbindet Technik und Haltung. Die Kamera allein macht kein Bild. Entscheidend ist die Verbindung von Wahrnehmung, innerer Beteiligung und Form. So wird die Kamera nicht nur zum Werkzeug des Festhaltens, sondern zum Werkzeug des Innehaltens.

Und vielleicht beginnt genau dort der eigentliche Wert eines Bildes: nicht darin, dass es etwas beweist, sondern darin, dass es uns für einen Moment innehalten lässt.

Transparenzhinweis

Dieses “Wer ist wer”  sowie das Literatur- und Quellenerzeichnis entstanden auf Grundlage eigener Recherchen und redaktioneller Entscheidungen. ChatGPT wurde unterstützend für die Recherche genutzt. 

Inhalt, Prüfung, Überarbeitung und Verantwortung liegen beim Autor.
© Gerhard Rinck 6/26

Die folgenden Namen und Begriffe bilden den literarischen und gedanklichen Hintergrund des Essays.

John Berger (1926-2017): Britischer Schriftsteller, Kunstkritiker und Essayist. Sein Buch und die BBC-Reihe Ways of Seeing prägten nachhaltig das Nachdenken über Sehen, Bilder und gesellschaftliche Wahrnehmung.

Simone Weil (1909-1943): Französische Philosophin, Mystikerin und politische Denkerin. Ihre Gedanken zur Aufmerksamkeit geben dem Essay eine Deutung von Achtsamkeit: Aufmerksamkeit als ungeteilte Hinwendung.

Mihály Csíkszentmihályi (1934-2021): Ungarisch-amerikanischer Psychologe, bekannt für den Begriff Flow. Für den Essay ist er wichtig, weil konzentriertes Fotografieren als Zustand vertiefter Anwesenheit verstanden werden kann.

Henry David Thoreau (1817-1862): US-amerikanischer Schriftsteller, Naturbeobachter und Philosoph des Transzendentalismus. Sein Satz über den Unterschied zwischen Anschauen und Sehen passt zum Kern des Essays: Nicht das Motiv allein zählt, sondern die Art der Wahrnehmung.

Byung-Chul Han (geb. 1959): Deutsch-koreanischer Philosoph und Kulturtheoretiker. Seine Überlegungen zur vita contemplativa dienen hier als moderne Begleitstimme für den langsamen, nicht verwertenden Blick.

Walter Benjamin (1892-1940): Deutscher Philosoph, Kulturkritiker und Essayist. Sein Begriff des Optisch-Unbewussten beschreibt, dass Fotografie Sichtbares erschließen kann, das dem alltäglichen Blick entgeht.

Roland Barthes (1915-1980): Französischer Philosoph, Literaturtheoretiker und Semiologe. In Die helle Kammer unterscheidet er unter anderem zwischen studium und punctum. Für diesen Essay ist besonders das punctum wichtig: jenes kleine Detail, das den Betrachter trifft und im Gedächtnis bleibt.

Susan Sontag (1933-2004): US-amerikanische Essayistin, Schriftstellerin und Kulturkritikerin. Ihre Essays über Fotografie erinnern daran, dass Fotografieren nicht nur Wahrnehmung, sondern auch Aneignung bedeutet. Daraus ergibt sich die Frage nach Verantwortung und Respekt.

Henri Cartier-Bresson (1908-2004): Französischer Fotograf und Mitbegründer von Magnum Photos. Seine Gedanken über Auge, Herz und Kopf verbinden Wahrnehmung, innere Beteiligung und Gestaltung.

Barthes, Roland: Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie. Aus dem Französischen von Dietrich Leube. Suhrkamp Verlag, Berlin, Bibliothek Suhrkamp, 2009. ISBN 978-3-518-22448-9.

Benjamin, Walter: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Drei Studien zur Kunstsoziologie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, edition suhrkamp 28. ISBN 978-3-518-10028-8.

Berger, John: Ways of Seeing. Penguin Books / Penguin Modern Classics, London, 2008. ISBN 978-0-14-103579-6.

Cartier-Bresson, Henri: The Mind’s Eye. Writings on Photography and Photographers. Aperture, New York, 2005. ISBN 978-0-89381-875-3.

Csíkszentmihályi, Mihály: Flow. The Psychology of Optimal Experience. Harper Perennial Modern Classics, New York, 2008. ISBN 978-0-06-133920-2.

Han, Byung-Chul: Vita contemplativa oder von der Untätigkeit. Ullstein Verlag, Berlin, 2022. ISBN 978-3-550-20213-1.

Sontag, Susan: Über Fotografie. Essays. Aus dem Amerikanischen von Mark W. Rien. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1980. ISBN 978-3-596-23022-8.

Thoreau, Henry David: The Journal of Henry D. Thoreau. Vol. 1: 1837-1855. Dover Publications, New York, 1962. ISBN 978-0-486-20312-6.

Weil, Simone: Waiting for God. Harper Perennial Modern Classics, New York, 2009. ISBN 978-0-06-171896-0.

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